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Historie

L´alimentation
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Anlandung
 
[ map ] Interieur – Exterieur

Die Nachrichtensendung "heute" meldet am 14. Januar 2013: Die Möbelbranche in der Republik boomt mit einer Zuwachsrate von 2 Prozent, 30 Milliarden Umsatz pro Jahr.

Das Möbelhaus als Institution stellt uns eine wunderbar bereinigte Kulisse vor, um sie mit Informationen anzureichern. Was wäre besser geeignet, als das Accessoire? Modischen Krimskrams von der Stange gibt es genug; wie wäre es da einmal mit hübschem Beiwerk, das dem Möbelhaus-Standort ein bisschen verdrängte Geschichte(n) erinnert? Wir beginnen bei Möbel Kraft.

Bad Segeberg, wo 1937 ein gewisser Herr Goebbels das Kalkbergstadion eröffnete, um der Thingbewegung zur Ausrichtung von Thingspielen Schwung zu verleihen, ist auch Heimat von Möbel Kraft. Gleich um die Ecke im kleinen Wahlstedt befand sich zwischen 1937 und 1945 das Marineartilleriearsenal. Die durch die Alliierten größtenteils gesprengte Anlage, auf deren Grund sich nach 1945 Industrie ansiedelte, scheint uns ein geeigneter Ort, um uns mit Familienbildchen vom Ausflug ins Grüne rund um Bad Segeberg zu versorgen. Anschließend – so der Plan – wollen wir ein paar Schaumöblierungen bei Möbel Kraft standorthistorisch damit dekorieren, was unseres Erachtens bei soviel selbstreferenziellem Möbelkauf nicht schaden kann.

 

Nachdem wir am Montag, den 27. Mai 2013 [ map ] unser fotografisches Vorhaben umgesetzt haben, kommt uns der große Flohmarkt bei Möbel Kraft am 2. Juni grade recht, um für unsere geschichtsstündliche Aufhübschung der Wohnangebote genügend Publikum für den Austausch von Historischem vorzufinden.

Damit der Sport und das Thingspiel (1929 von Carl Niessen als Mitmach-Beschäftigungs-Programm für arbeitslose Schauspieler_innen aufgelegt) in der Erinnerung nicht zu kurz kommt, haben wir uns erlaubt, Fotografien von der Waldbühne HH-Altona [ map ] unterzumischen, die wir am 15. Juli 2012 für ein eintägiges Fotoshooting besetzt haben – nur mal so zum Vergleich: Wir mutmaßen, dass die Thingbewegung heute "Kreativbewegung" heißt ...



Beteiligte Akteur_innen:

Eva Ammermann – Alimentation
Claudia Behling – Der letzte Brief
Ralf Jurszo – Betrachter
Ulrich Mattes – Schablonieren



[ Diaschau ]
 
 
Die Mall als (halb)öffentlicher Raum und unsere sogenannte "künstlerische" Praxis

Ein bißchen provozieren soll sie, Grenzen überschreiten, dennoch irgendwie politisch korrekt sein, das menschliche Bewußtsein ausloten – ach ja, und Zeitgeist "verorten". Die Magd ohne besondere Aufgaben kennt eine Unmenge an standardisierten Klischées der kulturellen Möblierung, in der die beige Kunstbetrachtung ihren koffeinfreien Schlaf finden kann:


[ Diaschau ]

Fertig mit dem performativen Aufbau in den Verkaufsräumen, gönnen wir uns vor den Imbißbuden des Flohmarks Fritten. Serviert werden diese in Tüten mit dem Aufdruck der Titelseite der Leipziger Neueste Nachrichten vom 25. Februar 1930 ... wikipediarelevantes scheint nicht passiert zu sein an diesem Tag. Bleibt zu überlegen, was der Hersteller dieser Tüten im Schilde führt? Eines ist klar: Unsere Vorgehensweise, die Geschichte als nicht abgeschlossen zu installieren, ist nicht neu.

 
Picknicken

Ein Leben lang an der eigenen Identität zu basteln und diese dann in der Ausstattung der eigenen vier Wände für Generationen zu manifestieren, macht in unseren Breitengraden scheinbar wenig Sinn. Familiengeschichte ist Patchwork und einer momentan funktionierenden Gefühlswelt geschuldet. Was gestern noch gesichert schien, hat heute schon keine Grundlage mehr und so ist die Halbwertzeit des hauswändischen Heimatgefühls – der Flexibilisierung sei Dank – ins Bodenlose gefallen. Wohnen gleicht eher einem ausgedehnten Picknick in einer Installation, die dem persönlichen "Umstand der Dinge" entspricht und die Umstände ändern sich schnell heutzutage. Wo soll da noch Platz für das Gestern sein? Wir haben nach vorne zu schauen!

An der bewohnten Innenwand, den Darmzotten der Heimat gewissermaßen, beginnt der Unterscheidungswille zur Außenwelt, ein Verdauungsprozess, der die identitätsstiftenden Spaltprodukte habhaft macht, als kleine Unterschiede im Wettbewerb, und das bedarf der ständigen Anpassung an die geforderte Anpassung. "Loslassen" ist angesagt. So boomt die Möbelindustrie wie kaum eine andere, wenn das "neu erfinden" des Ichlings zu den vordersten Anforderungen gehört und er sich eine Umgebung baut. Die Mustereinrichtungen der Möbelhäuser bieten dafür dem Einfühlungsvermögen großflächig Identifikationsangebote. Reich ausgestattet mit Accessoires bieten sie stilpolierte Wunsch- und Variationswelten, die jede Geschichte einbeziehen und nur sich selbst möglichst unverfänglich abstrahlen – problembereinigte Kulissen.

Ein Möbelstück ist heute grade so schnell zusammengeschraubt wie einst eine temporäre Ausstattung für ein Picknick im Grünen. Selbst der Arbeitsplatz bedarf nur noch eines Internetanschlusses für eine Art "Arbeitspicknick" dank Zugriff auf's virtuelle Ganze. Begonnen hat das schon vor 50 Jahren. Der berühmte Nierentisch mit drei, jeder belastbaren Statik widersprechenden, schräg abgewinkelten Beinen, das "Jugendzimmer" aus billigem Furnier auf Pressspan, durchseucht von Formaldehyd. Alle hatten einer handwerklich orientierten Beanspruchung durch Kinderhände wenig entgegenzusetzen. Das "Kulissenwohnen" hat also Tradition gewonnen, als Werkbank aber taugt das nicht. Warum sollte es auch? Wir befinden uns im Informationszeitalter und mit dem inzwischen unermeßlichen Zugang zu Informationen scheint es widersinnig, in den eigenen Wänden auf Dauerhaftes zu setzen.

 
... im Gestern des Heute

Das Wohnen als Ort der Sammlung hat sich grundlegend verändert. Nicht die eigene Geschichte wird vorrangig gesammelt – dafür reicht heute eine billige Pinwand – sondern Ausstattungen des Zeitgeists. Doch auch der Zeitgeist hat seine Homogenität eingebüßt. Eine Mode für alle, das ist unglaubwürdig geworden und global ohnehin nicht durchsetzbar. Rechtzeitig zum Aussterben der Arten rund um uns herum, betreiben wir eine Industrie der möblierten Vielfalt und dazu kann sich jede/r ihr/sein eigenes Biotop zusammenstellen. Dazu gehört selbstverständlich, ein Biotop zu entsorgen, wenn es nicht mehr praktikabel erscheint.

So erlaubt uns das Kulissenwohnen immer im neuesten (oder zumindest im erschwinglichen) Stand der Dinge zu hausen. Dass wir in den neuen Kulissen meist die alten Stücke aufführen, ist wohl der DNA geschuldet und deren vorrangigste Bestimmung scheint die Neugier zu sein – unser menschliches Erfolgsprädikat. Nach Neuem gieren wir, weil wir sonst durchdrehen, regredieren, uns einfach die Decke auf den Kopf fällt. Und wenn uns das Alte neu ist, auch recht! Da aber so manches Alte nicht zur Dekoration taugt, gibt es Geschichtswerkstätten. Dort wird das "Undekorative" aufbewahrt, um zumindest ein wenig vergleichen zu können, wenn mal wieder schlafend geglaubte Hunde geweckt werden.

"Think global, act local" heißt eine Handlungsanweisung, die sich gegen die gedankenlose globale Gleichschaltung stellt, die in der ursprünglichen Formel "Think local, act global" alles Lokale in einer Gemeingültigkeit aufgehen lassen wollte. Einen Widerspruch stellen diese beiden Mantras nur bedingt dar, denn da mathematisch eine Anweisung Wahrheit in der Möglichkeit ihrer Umkehrung erlangt, hat sie im Theoriekaraoke austauschbar gemacht und der Komplex heißt dann Globalocal. Innerhalb dieser Formel suchen wir mit unserer Performance Handlungsgewalt zu behalten. Und es ist nicht die Großstadt, die als Sammelbecken unzähliger Lokalitäten einzelne Zugriffe sofort relativiert, sondern das Ländliche, in dem Geschichte (und ihre Verdrängung) leichter zu lokalisieren sind. Wir folgen einem Aufruf der Volkshochschule Wahlstedt (wenn auch nicht unbedingt in deren Sinne) einen Beitrag zum Geschichtspfad "Marineartilleriearsenal" zu leisten – als dokumentiertes Picknick und ersetzen die Standardaccesoires durch konkrete Bezüge.


 
 
 
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